Rocksmith (X-Box 360)

Was ursprünglich als Rhythmus-basiertes Genre mit Plastik-Peripherie begann, wuchs schnell zu einem der bedeutsamsten Genres des letzten Jahrzehnts, mit immer höheren Ansprüchen an sich und die Zielgruppe, heran. Mit bis zu 16 Millionen verkauften Einheiten pro Ableger war speziell die Guitar Hero eines der bestverkauften Spiele überhaupt. Zuletzt konnte man jedoch nicht mal mehr die 1,5 Millionen knacken und so entschied man sich bei Activision die Serie ab 2011 einzustellen.

Davon wenig beeindruckt nahm sich Ubisoft vor das Musikspiel zu revolutionieren und zu einer Mischung aus Unterhaltung und Lehrprogramm auszubauen. Zur Vorstellung des Spiels waren Ubisoft bei uns im Proberaum zu Gast und wir konnten das Spiel ausgiebig für euch testen.

Ähnlich wie bei Rock Band 3 beschränkt sich das Programm nicht nur auf die Gitarre. Auch Bassisten und Sänger können sich bei ROCKSMITH austoben. Letztere werden durch das Programm allerdings nicht bewertet. An wen richtet sich das Spiel jetzt also eigentlich? Nun – prinzipiell an jeden, der eine Gitarre oder einen Bass zuhause stehen hat. Durch den mitgelieferten Klinke- auf USB Adapter kann jedes echte Instrument angeschlossen werden. Verfügt ihr nicht über ein solches, könnt ihr ein Bundle bei speziellen Händlern inkl. Einsteiger-Instrument erwerben. Jedoch wird im Test schnell klar, dass das Spiel den kompletten Einsteiger überfordert. Wer noch nie ein Instrument in der Hand hielt, hat mitunter schon beim Stimmvorgang große Probleme. Ein wenig Vorerfahrung solltet ihr also besitzen. Wer jedoch schon sehr fortgeschritten ist, empfindet die Herausforderung schnell als Korsett. Unser Gitarrist und diplomierter Musikwissenschaftler Jeremy ist sicher als ein Meister seines Fachs zu bezeichnen, doch tat er sich schwer den Anweisungen zu folgen und das merkwürdige Timing nachzuvollziehen.

Licht und Schatten bei der Technik

Das Spiel funktioniert über externe Boxen mit geringen Latenzen. Verzögerungen zwischen Anschlag und Tonerzeugung sind im Millisekunden-Bereich (geschätzt um die 20 ms) und somit akzeptabel. Über HDMI jedoch erhöht sich die Latenz deutlich und ein sinnvolles mitspielen ist nicht mehr möglich.
Die Klangerzeugung mithilfe der Mitgelieferten Verstärker-Simulationen sind für ein Videospiel als sensationell zu bezeichnen. Wer einen günstigen Übungsamp ohne Recording-Ambitionen sucht, kann evtl. sogar Überlegungen anstellen, ob Rocksmith diese Vorgaben nicht erfüllt und das Programm somit als Gratis-Dreingabe anzusehen ist. Sämtliche Stile werden hierbei abgedeckt – Scooped Metal-Riffing, perlige Clean-Gitarren, div. Crunch-Modi. Das hat mir bisweilen besser gefallen, als so manche professionelle Software, welche ich zuhause für Vorproduktionen verwende.

Das Gameplay

Das Kern-Gameplay besteht darin zur rechten Zeit die angezeigte Saite anzuschlagen und den richtigen Bund zu drücken. Die sechs Saiten der Gitarre werden verschiedenfarbig in einem horizontalen Griffbrett dargestellt, während sich die zu spielenden Bünde, ähnlich dem Guitar Hero Prinzip, wie auf Schienen in Richtung des Spielers bewegen. Je nach Schwierigkeitsgrad erhöht sich der Detailgrad der zu spielenden Noten, bis hin zum nachspielen des kompletten Songs. Leider wird die Originalspur nicht gemutet, so dass das was dabei aus den Boxen tönt häufig unharmonisches Gedröhne ist. Die Songliste ist dabei alles andere als dröhnig. Neben ein paar härteren Stücken von Bands wie Queens Of The Stone Age, Nirvana und Soundgarden, finden auch jede Menge gediegenere Nummern von Künstlern wie zum Beispiel Sigur Ros oder Jarvis Cocker ihren Platz im Spiel. Zur Auflockerung gibt es schliesslich noch Minispiele wie das abschießen von Vögeln, in dem man – natürlich – den richtigen Bund zur richtigen Zeit anspielt.

Ein vollwertiges Lehrprogramm?

Die Kernfrage vieler Anfänger dürfte lauten: Kann ich mit dem Spiel wirklich Gitarre lernen? Die Antwort aus Sicht des Autors (seit 20 Jahren Gitarrist) ist nein. Es ist sicherlich möglich, eine hohe Zeitinvestition vorausgesetzt, komplexe Notenabfolgen korrekt nachzuspielen. Da das Spiel aber kein Feedback zur Haltung, zur Grifftechnik und vielen weiteren Aspekten des Gitarre spielens liefert und darüber hinaus ein sehr statisches Bild des Musizierens vermittelt, ist es ohne weitere Anleitung kaum möglich ein korrektes Gitarrenspiel zu erlernen. Eher verbaut man sich damit den späteren Fortschritt durch falsch angelernte Techniken und erwirbt keinerlei Fähigkeiten der Improvisation, was ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans nach Beherrschung der Basics sein sollte. Vielmehr stellt Rocksmith den Gipfel des Größenwahns dar, welcher spätestens mit Rock Band 3 eingesetzt hat. Es wehrt sich Spiel zu sein, kann seinem darüber hinaus gehenden Anspruch aber nicht gerecht werden.

Fazit

Schuster bleib bei deinen Leisten möchte man sagen. Ubisoft vermutete als Ursache des Niedergangs der Guitar Hero / Rock Band Marken offensichtlich die vermeintliche Peinlichkeit mit einem Plastik-Controller zu hantieren und zauberte aus dem ursprünglichen Partyspiel-Prinzip kurzerhand ein komplexes Lehrprogramm für Anfänger und Fortgeschrittene. Viel Party bleibt da nicht mehr übrig, jedoch scheitert der Vollzug der Metamorphose in Richtung Ernsthaftigkeit an den Grenzen dessen was ein Spiel leisten kann. So platziert sich ROCKSMITH zwischen den Stühlen, verkauft dem Anfänger Illusionen und irritiert den Profi. Somit ist die Kernzielgruppe am ehesten der ewige Amateur, der schon mal ein halbes Jahr Gitarrenunterricht hatte und wenn es der Job zulässt auch gerne mal in einer Band spielen würde. Ein Gros der Leute dürfte die Mogelpackung jedoch schnell als halbgares Experiment enttarnen. Für Ubisoft bleibt da nur der neidische Blick in Richtung Activision und Harmonix und die Erkenntnis, dass man dem Markt hiermit schlicht und einfach zu viel Ballast aufgebürdet hat. Echte Musiker haben keine Angst vor Plastikgitarren und unmusikalische Spieler brauchen nichts anderes um Spaß damit zu haben. Einen Extrapunkt gibt es jedoch für die tollen Ampsimulationen.

5/10

David Timsit

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Ein Gedanke zu “Rocksmith (X-Box 360)

  1. Pingback: Rocksmith im Test: Wir überprüfen, ob man wirklich Gitarre spielen lernt

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