Tiamat – The Scarred People

David Timsit

Label: Napalm Records
Spielzeit: 44:25

Johann Edlund ist nicht gerade eine Konstante im Düster-Rock Universum. Viel Zuckerbrot und Peitsche mussten die TIAMAT-Fans im Verlauf der mittlerweile 24-jährigen Bandgeschichte bereits geduldig hinnehmen. Manch einer wartet gar heute noch auf einen legitimen Wildhoney Nachfolger. Die Nostalgiker unter euch können an dieser Stelle aufhören zu lesen, denn – so viel sei gesagt – mit dem viel zitierten Meisterwerk von 1993 hat auch The Scarred People nicht viel zu tun. Auch nicht mit dem zuletzt veröffentlichten Amanethes. Wo der Vorgänger den alteingesessenen Fans noch Tränen der Rührung abzuringen vermochte, täuscht The Scarred zunächst eine Rückbesinnung zum griffigen Gothic Rock der Jahrtausendwende vor. Im weiteren Verlauf geht das Werk jedoch überraschend in die Tiefe, erobert neues Land und schlägt epischere Töne an. „384EKteis“ ist beispielsweise ein Titel dieser Gattung. Die düstere Atmosphäre wird hier weniger durch puristische Metal-Instrumentierung erzeugt, vielmehr durch verwobene Sound-Layer, verschleierte Vocals und eine Menge Synth-Effekte hinter der Gitarren-Wand.
„The Scarred People“ in jedem Fall das, was man hinlänglich als erwachsenes Album bezeichnen würde. Wenn Amanethes ein Ausflug mit alten Jugendfreunden war, ist das aktuelle Werk eher der Marsch in den ungewissen Horizont. Im Rucksack befinden sich Erinnerungsstücke alter Tage und eine Landkarte in Richtung Zukunft. Die Arrangements sind angenehm undurchsichtig, die Strukturen progressiv und hin und wieder versteckt sich dennoch die ein oder andere griffige Melodie. So zum Beispiel im, von Ozzy Osbournes „Killer Of Giants“ inspirierten, „Love Terrorists“. Wer Aggression nicht mit stereotypen musikalischen Ausdrucksmitteln in Verbindung bringt, wird auch derlei Emotionen in dem vielfältigen Songmaterial entdecken.
Das aktuelle Werk reiht sich durch seine Qualität und Originalität mühelos im oberen Drittel der Band-Diskographie ein. Wirkten Tiamat zuletzt ziellos, bemüht und launisch, strahlt The Scarred People in all seiner Experimentierfreudigkeit eine künstlerische Festigkeit aus. Das mag nicht so bahnbrechend sein wie Wildhoney zum Zeitpunkt dessen Veröffentlichung, aber man muss sich, mit einem objektiven Ohr hingehört, fragen ob TIAMAT heutzutage nicht sogar reifer und interessanter klingen als in ihren besten Tagen.

8,5/10

Advertisements

3 Gedanken zu “Tiamat – The Scarred People

  1. Ich kenne Tiamat nur durch das aktuelle Album und wäre 384ekteis nicht so, wie es ist …

    Hätte ich diese Band niemals bei Wikipedia aufgerufen; hätte ich niemals dieses Tolle Album.

    Ich schliesse mich euch beiden an!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s