Kamelot – Silverthorn

David Timsit

Label: SPV
Spielzeit: 56:21

Es ist immer schwer für eine Band, wenn die Identifikationsfigur – im meisten aller Fälle der Vokalist – aussteigt. Einige Bands sind an so einem Punkt schon zerbrochen, doch KAMELOT geben sich kämpferisch. Die Tour nach Roy Khans Ausstieg absolvierte man mit diversen Gastsängern und mühte sich redlich ab jeden zweifelnden Fan zurückzuerobern. Der endgültige Prüfstein ist aber natürlich das neue Album mit Seventh Wonder Frontman Tommy Karevik am Mikrofon. Der junge Mann ist zumindest optisch schon mal auf eine androgynere Version von Khan getrimmt. Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob sich diese Annäherung auch stimmlich widerspiegelt, oder ob er es schafft seine eigene Duftmarke auf „Silverthorn“ zu hinterlassen.
Doch der Reihe nach. KAMELOT bestehen natürlich aus mehr prägnanten Elementen als die Stimme ihres Sängers. Während die letzten beiden Scheiben etwas handzahm und eingefahren daherkamen, präsentiert sich der neue Silberling von einer hymnischeren und traditionelleren Seite. In diesem Punkt ist die Scheibe über weite Strecken konservativ gehalten. Und in der Tat – Tommy Karevik ist nah dran am Charakter und Ausdruck seines Vorgängers, klingt aber gerade nach oben hinaus poppiger und glatter als der norwegische Charismat. Dadurch erhält der Gesamtsound der US-Metaller eine technischere, progressivere Note und entfernt sich etwas von der mystischen Ausstrahlung alter Tage. An manchen Stellen könnte man etwas deshalb wehmütig werde. Man kann den Zauber erahnen, der in manchen Parts steckt und hört, gerade wegen der ähnlichen Intonation durch Karevik, regelrecht wie es in der klassischen Besetzung klingen hätte können. Die Songs wirken darüber hinaus wie zugeschnitten auf Khan, während man Tommy Kareviks Einflüsse aus dem Seventh Wonder Umfeld nur selten zu hören bekommt. Am ehesten werden diese beim dramatischen „Song for Jolee“ deutlich. Mit dem stampfenden „Veritas“ schlägt man eher die „March Of Mephisto“ Richtung ein. Ein Stil, welcher der Band ausgesprochen gut zu Gesicht steht. Hier fehlt lediglich ein wirklich packender Refrain. Ansonsten ein sicherer Kandidat für die kommenden Live-Shows. Ebenfalls einen gesicherten Platz im Set dürfte der Titeltrack haben. Eine typische Bandhymne. Tragend, erhaben, orientalisch angehaucht und ein Groove-Monster vor dem Herren. Jetzt schon ein Klassiker. Ebenso herausragend ist der vorletzte, fast neunminütige Track „Prodigal Son“, der von sakralen Chören über reduzierte Akustik-Parts bis zu Breitwand-Metal alles bietet. Weltklasse!
Ja, es ist jammerschade. Da bringen KAMELOT das technisch beste Album seit Jahren heraus und dann entscheidet sich die bisherige Seele der Band für einen Rückzug aus dem Musikgeschäft. Doch ist es auch denkbar, dass gerade dieser Ausstieg die Band zu Höchstleistungen angestachelt hat. Dem geneigten Fan bleibt von daher nichts anderes übrig, als „Silverthorn“ als das zu nehmen was es ist – ein sehr gutes Metal-Album mit dramatischen Musical-Einflüssen. Ob man den Wechsel am Mikrofon akzeptieren kann, hängt sicherlich davon ab wie sehr man die Band über den Sänger definiert hat. Alle aufgeschlossenen Symphonic Metal Fans mit einem Faible für düstere Klänge werden auf „Silverthorne“ jedenfalls zu 100% bedient.

8/10

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