Graveyard – Lights Out

David Timsit

Label: Nuclear Blast
Spielzeit: 35:32

Was für die einen die heilsbringende Erlösung von vermeintlich seelenlosen und überproduzierten Totschläger-Werken ist, stößt den anderen als frech kalkuliertes Understatement-Abziehbild nicht wiederholbarer Rock ‚N Roll Großtaten auf. Fakt ist aber – die, nun schon eine Weile andauernde, Retro-Welle erhitzt die Gemüter und bringt Bewegung in die Musikszene. Ganz vorne mit dabei: GRAVEYARD.
Die Schweden haben hinsichtlich der Legendenbildung ihre Hausaufgaben gemacht. Da werden Anekdoten von explodierenden russischen Amps während der Studioproduktion ausgepackt und optisch grinsen einem vier abgehangene Naturburschen von diversen ausgeblichenen Shots entgegen. Dazu kommt dieser unverschämt authentische 70s Sound, der echter klingt, als manche Tondokumente aus jener Zeit. „Lights Out“ ändert natürlich nichts an dieser Erfolgsformel, auch wenn das Intro einen Hauch von Modernität vorgaukelt, bis dann schließlich doch die nasalen Unisono-Gitarren einsetzen und sich das mehr als nur angewärmte Organ von Frontman Joakim Nilsson durch glühende Röhren und versiffte Magnetbänder den Weg zum Hörer bahnt.
Im Verlaufe des ersten Drittels merkt man jedoch, dass GRAVEYARD hier und da etwas zugelegt haben und nicht ausschließlich auf rudimentäre Basis-Arrangements setzen. Speziell „Seven Seven“ ist mit einigen Overdubs vollgepackt, ohne jedoch dadurch an Retro-Charme einzubüßen. „The Suits, The Law & The Uniform“ dürfte sich mit seinem Revoluzzer-Charme, sowie dem Groove und Biss einen festen Platz in der Setlist gesichert haben. Bei „Endless Night“ dürften sich Judas Priest fragen warum sie es in der Frühphase ihrer Karriere nicht geschafft haben solche Übernummern zu schreiben. Wobei man, genauer hingehört, auch eine Menge vom Schweden-Rock dieser Tage im Songwriting wiederfindet. Mit „Hard Time Lovin'“ halten die wabbernden Hammond-Orgeln Einzug und Nilsson erhebt sein Timbre in bester Jim Morrison Tradition zu einem einlullenden Dreiviertel-Takt Groove. Auch wenn das Album im hinteren Drittel hinsichtlich nicht mehr ganz so zwingenden Hooklines und Grooves etwas abfällt ist es aufgrund der vielen verschiedenen Zitate und Ideen im Songwriting angenehm durchhörbar.
Ja, man kann wunderbar diskutieren über den Retro-Trend als solches, die Qualität von „Lights Out“ darf dabei aber nicht zur Debatte stehen. Das Album ist ein Feuerwerk an Spielfreude und Liebe zu mehr als 40 Jahren Rockgeschichte. Das hat man zu respektieren und die Klappe zu halten. Man darf allerdings gespannt sein, ob die Band künftig noch andere Facetten zu bieten hat, denn ewig wird die Begeisterung für klassische Klänge nicht währen und dann wäre es gut einen Plan B in der Tasche zu haben. Bis dahin ist auch Album Nummer Drei eine dicke Empfehlung an alle, die gute handgemachte Musik zu schätzen wissen.

9/10

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