Kommentar: Die Gerontofizierung des Gebäude 9

DavidT

David Timsit – Autor, Veranstalter und Inhaber des Blogs Gothic-Metal.com

Als ich zum ersten Mal das Wort „Gentrifizierung“ las, dachte ich an irgendwas mit Opas. Und dann fiel mir wieder ein warum. Die phonetische Ähnlichkeit zur Gerontopsychatrie hatte mich auf eine falsche Fährte gelockt. Wobei der assoziative Ansatz ja gar nicht so abwegig ist. Eine kranke, überalterte Gesellschaft entledigt sich Symbolen der Jugendsubkultur (okay – definieren wir Jugend mal etwas ausgedehnter) um sich selbst mehr Lebensraum zu verschaffen. Hat schon was von wild gewordenen Rentner-Psychos, die gemäß alt-indischer Kasten-Philosophie von höher- und niederrangigen Mitgliedern der Gesellschaft agieren, um ihr Ideal von der klinisch steril-toten Wohlstandsgesellschaft zu realisieren. Aber der größte Feind der Subkultur ist nicht der ergraute Schlipsträger und seine Investorentruppe, sondern der Verräter in den eigenen Reihen. Spätestens wenn der frisch gebackene Student aus Hipstergründen ins Künstlerviertel zieht, dann ins Berufsleben einsteigt, schließlich Vater wird und seinen Hintern zur Familiengründung nicht mehr wegbewegt, ist der Grundstein für einen Gentrifizierungsvorgang gelegt.

Ein solcher hat nun auch das traditionsbehaftete Gebäude 9 in Köln erreicht. Der Vermieter des Clubs, die RheinEstate GmbH (Tochtergesellschaft der Stadtsparkasse Köln Bonn) hat den Betreibern die Verträge gekündigt und möchte es, zusammen mit dem gesamten anliegenden Kunst- und Gewerbehof, an einen Investor verkaufen. Die Bezirksregierung Köln-Mülheim stimmte diesem Vorhaben im „Bebaungsplan Euroforum Nord“ zu und erachtet es somit für angemessen, die Schließung eines Clubs zuzulassen, der erst 2013 mit dem Spielstättenprogrammpreis der Bundesregierung ausgezeichnet wurde.

Der Gegenwind ist aber, ähnlich der Situation um das ebenfalls in Köln ansässige Underground, enorm. Allen voran die Klubkomm – ein Verband Kölner Clubs und Veranstalter – setzt sich stark für den Erhalt der Location ein. Auch Medien wie Intro, Prettyinnoise und WDR 5 sprechen sich für den Erhalt des Clubs aus oder bieten zumindest eine Diskussionsplattform für das Anliegen der Betreiber. Die Petition auf change.org und die Facebook-Seite „Rettet das Gebäude 9“ haben aktuell jeweils rund 13.000 Befürworter gefunden. Die Piratenpartei sagt „Schluss mit dem kulturellen Kahlschlag“ und ruft zur Teilnahme bei der Petition auf.

Auch ich möchte hiermit an alle Kultur-Freunde appellieren sich zu informieren und für den Erhalt der Location zu engagieren. Zum einen, da sich die Relevanz von Musik zunehmend von der Konserve auf den Livesektor verschiebt und solche Clubs deshalb wichtiger denn je geworden sind und zum anderen, da es hier nicht um Wohnraum geht, der dem Umfeld entsprechend günstig und angemessen sein soll, sondern um ein weiteres Statussymbol des Kapitalismus in Form von teuren Nobelwohnungen. Das was das Viertel attraktiv macht, ist jedoch die gewachsene Kultur, zu der das Gebäude 9 einen großen Beitrag leistet. Also gib dem Gentrifizierungs-Hipster keine Chance und sorge mit deiner Stimme dafür, dass du auch über 2014 noch in einem der kultigsten Clubs der Stadt abrocken kannst.

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