Hellride – Ausgestöpselt

Hellride

Manche Ideen sind so naheliegend, dass sie keiner umsetzt. So ziemlich jeder schwermetallische Stromgitarrenzupfer dürfte im Laufe seiner Existenz mindestens einmal darüber nachgedacht haben Metal auf Akustikgitarre zu zocken. Drei Herren namens HELLRIDE haben das einfach mal gemacht und prompt Festivals wie Ragnarök oder das Wacken Open Air gerockt.

„Man ist nie zu alt für Krach und HELLRIDE sollte auch laut gespielt werden!“ schmettert Gitarrist Kai der augenzwinkernden Eingangsfrage entgegen, ob die Reduktion der Mittel vielleicht Zeichen erster Alterserscheinungen sei. „Es ging mehr darum mal einen anderen Sound zu kreieren und zu versuchen echte Heaviness aus einer Minimal-Instrumentation herauszuholen.“ Zunächst beschränkte man sich auf das nachzocken von Klassikern, um ein Gefühl dafür zu bekommen wie die Geschichte zu Ende gedacht funktioniert. Dabei machte man bei Songs wie „United Forces“ (S.O.D., mit Unterstützung von Tankards Gerre) auch die ein oder andere schmerzhafte Erfahrung: „Das Thema Tennisarm durch Gitarre spielen hat bei uns eine ganz neue Bedeutung, har har! Die Gitarren werden komplett anders angeschlagen als eine verzerrte Klampfe. Da war tatsächlich körperliches Training angesagt. Außerdem mussten wir ein Konzept finden, wie man die Songs am besten umarrangiert und einen Beat hineinbringt.“

Keine Folk-Truppe
Den natürlichen Lebensraum der Kelly Family hat man zu Erprobungszwecken nicht genutzt und sich lieber im Studio von Gitarrist Stefan Gassner (Ex-Dreamscape) fit gemacht: „Wir haben keinen Bock auf Straßenmusik, sondern wollen wie bisher mit gepflegtem Sound in Clubs auftreten. Wir haben noch einige Pläne in der Schublade wie wir die Liveshows gestalten werden. Da wird es im Laufe der Zeit sicher noch weitere Ergänzungen geben, allerdings keine normale Rockband-Besetzung.“ Mit genau solchen wird man live aber konkurrieren müssen. Bekommt man da angesichts fetter Marshall-Wände der Kollegen nicht ein wenig Muffensausen unterzugehen? „Die Sorge hatten wir immer wieder, aber sie hat sich stets als überflüssig herausgestellt. Selbst knallharte Extrem-Metal Fans haben uns nicht mit faulen Eiern beworfen. Wir bekamen immer guten Zuspruch vom Publikum. Selbst beim Ragnarök, oder als Vorgruppe von Frei.Wild. Wir schaffen es halt anscheinend doch ein gewisses Metal-Feeling zu transportieren. Man merkt, dass wir keine Folk-Truppe sind, hehe.“ Eine reine Cover-Band ebenso wenig, wie Kai klarstellt: „Wir wollen auch beim nächsten Album beide Sachen machen. Die Mischung aus eigenen Songs und Covers zeichnet unsere Band meiner Meinung nach aus.“

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Die Verlockung der Studio-Technik
Schon so mancher Akustik-Musiker hat seine Seele im Studio verloren und sich kaputtschleifen lassen. Da scheint es gerade für eine Band, bestehend aus einem professionellen Soundtüftler, Progressive-, Heavy- und Thrash-Musikern eine besondere Herausforderung zu sein sich bewusst zurückzunehmen und die zur Verfügung stehenden Mittel nicht zu nutzen: „Tja, da muss man sich wirklich beherrschen. Unser Sänger Tommy hatte oft ein paar Samples und Keyboardtracks eingebaut, aber gerade am Anfang muss man damit vorsichtig umgehen. Es ist am besten erst mal minimalistisch und ‚back to the roots‘ zu bleiben und dann abzuwägen was man hinzunehmen kann. Die kreative Herausforderung ist es ja gerade nicht Soundwälle zu basteln, sondern alles aufs Wesentliche zurückzuschrauben.“ Da man dennoch nicht auf Effekte und Overdubs verzichten wollte, drängt sich natürlich irgendwann die Frage auf – was darf Akustik-Rock? „Eine Frage, die auch wir uns stellen und die sich noch weiterentwickeln wird. Ich möchte schon Abwechslung durch Effekte auf Gitarre, Vocals , sowie einzelne Shots von Peitschenhieben, Bombensounds oder ähnliches nutzen, um noch zusätzlichen Pep in unsere Show und die Songs reinzubringen. Eine gelegentlich verzerrte Akustikgitarre oder entsprechende Vocals können bei Akustik-Metal auch vorkommen.“ Dennoch dürfte das Soundgewand für die Gastsänger ungewöhnlich gewesen sein. Tom Angelripper ist ja bekanntlich nicht gerade der filigranste Barde unterm Himmel, was laut Kai aber kein Problem war: „Ne, Tom und Gerre hatten großen Spaß daran einmal ganz ohne Drums und Metronom aufzunehmen – sie haben es beide sehr gut hinbekommen, finden wir.“ Die Zusammenarbeit verlief zudem recht organisch: „Ich kenne beide ja schon aus den achtziger Jahren, also noch bevor ich bei Paradox eingestiegen bin. Damals habe ich bei Cronos Titan gespielt und wir waren mit Tankard häufig unterwegs, haben zudem auch mal ein, zwei Gigs mit Sodom gezockt. Im Laufe der Jahre ist man sich immer wieder mal über den Weg gelaufen.“

Hoch hinaus
Wer bereits zum Debüt einige der größten Szene-Festivals gespielt hat, solche illustren Gäste vorweisen kann und so ein gut funktionierendes Konzept in der Tasche hat, wird wohl kaum auf halbem Wege kehrt machen. Auf die Frage hin, ob die obligatorischen Welteroberungspläne denn bereits vorliegen, oder HELLRIDE trotz allem einfach nur ein spaßiges Nebenprojekt darstellen, muss Kai nicht lange überlegen: „Wir wollen definitiv das Universum erobern!“

David Timsit

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