Kolumne: Sind KATATONIA am Ende?

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Von allen Bands, die sich in meiner Top 10 wiederfinden sind KATATONIA die am letzten hinzugestoßene. Die einzige Band, die es nach den 90er noch geschafft hat sich in die Riege meiner All-Time-Faves einzugliedern. Doch der Motor scheint zu stottern und wie es weitergeht steht in den Sternen.

Als KATATONIA 2003 „Viva Emptiness“ veröffentlichten war mir nach dem ersten Durchgang – damals schon fortschrittlich als exklusiver Stream per Online-Radio eines Kollegen – klar, dass hier etwas ganz besonderes entstanden ist. Die Band war mir zuvor nur lose ein Begriff, aber das Ding traf genau meinen Nerv. Und zwar so sehr, dass ich kurze Zeit später die Diskographie nachholte und infolge meiner Begeisterung für die Band gar guten Geschmack davon abhängig machte, ob mein Gegenüber Katatonia-Hörer war oder nicht. Die Mischung aus Feingeistigkeit und Naturgewalt bediente eine Nische, die zu dieser Zeit noch nicht so häufig bedient wurde wie heutzutage durch Post-Rock und co..

Der Durchbruch

Mit der 2006er Scheibe „The Great Cold Distance“ war der künstlerische und kommerzielle Höhepunkt erreicht. Die Formel des Vorgängers wurde weiter verfeinert, das Songwriting war noch treffsicherer und die Produktion ein audiophiler Hochgenuss. Songs wie „July“ und „My Twin“ hatten gar Club-Format und verschafften der Band einen Sprung über den eigenen Tellerrand hinaus. KATATONIA-Fan zu sein war nicht mehr so ein exquisites Attribut unter den Wissenden wie noch zuvor, aber auch der elitärste Fan musste einsehen, dass es sich um das qualitativ hochwertigste Werk bis dahin handelte.

Burn-Out

Weitere drei Jahre sollten verstreichen, bis die Unantastbaren ihr nächstes Werk „Night Is The New Day“ in die (mittlerweile deutlich vom Zeitgeist gezeichneten) Plattenläden brachten. Und wie man unverhohlen zugab, war dieses Werk eine äußerst schwere Geburt. Kommerziell war es, je nach Region, ähnlich erfolgreich wie der Vorgänger. Bedingt durch eine Schreibblockade einer der Hauptsongwriter – Gitarrist Anders Nyström – lastete die Verantwortung überwiegend auf den Schultern von Sänger Jonas Renkse. Dies führte letzlich dazu, dass das Album sehr viel weniger Gitarren-orientiert war und deutlich verkopfter ausfiel. Die meisten Fans nahmen die Platte dennoch wohlwollend auf, doch es wurde zunehmend salonfähig KATATONIA auch mal kritisieren zu dürfen. Die fehlende Frische und das sperrige Songwriting waren zumindest diskussionswürdig. Die Band tat sich in der PR desweiteren keinen Gefallen damit ihr Studio in Interviews ein „Rattenloch“ zu nennen und auf die Mühseligkeit des Entstehungsprozesses zu verweisen.

Besetzungswechsel

Nur wenige Monate nach dem Album entschieden die Ur-Mitglieder und Brüder Fredrik (Gitarre) und Mathias Norrmann (Bass) die Band zu verlassen. Böses Blut gab es dabei keines – familiäre Gründe wurden als hauptsächliche Gründe in den Pressemitteilungen genannt. Dennoch blieb im Gesamtkontext der Nachgeschmack zurück, als verließe man ein sinkendes Schiff.

Live eine Macht

Glücklicherweise hat dies der Band nicht geschadet. Im Gegenteil hatte man mit dem neu hinzugestoßenen Per Eriksson an der zweiten Gitarre endlich mal eine extrovertierte Persönlichkeit auf der Bühne. Im Zusammenspiel mit der zunehmenden Souveränität der Band als Live-Formation führte dies dazu, dass die als Live-Flop verschriene Combo ihren Ruf zunehmend zu widerlegen wusste.

Sackgassen-Könige

Dem 3-Jahres-Rhythmus blieb man auf Release-Seite treu und lieferte 2012 mit „Dead End Kings“ ein ordentliches, deutlich rockigeres Album als zuletzt ab. Höchstwertungen seitens der Presse und die vollkommene Euphorie unter den Fans blieben jedoch aus. Dabei machten die Schweden gar nicht so viel falsch und lieferten die passende Reaktion auf den letzten Release ab, wenngleich man das Rad sicherlich nicht mehr neu erfand. Allerdings reagierte man seitens der Band sehr dünnhäutig auf Kritik, was sich in unnötig persönlichen Kommentaren auf Facebook durch Anders Nyström bemerkbar machte. Es schien, als sei sich die Band ihrer Selbst nicht mehr sicher und suche nach der verlorengegangenen Reputation als schicke Aushängeschilder für anspruchsvolle Edel-Rocker. Der Lack war irgendwie ab und die Verkäufe, trotz steigender Chartpositionen, rückläufig. Dies war natürlich dem sich ändernden Markt geschuldet, dennoch ist dies eine beängstigende Situation für Musiker, die ihr Einkommen aus dem eigenen Schaffen beziehen.

Orientierungslosigkeit und Release-Flut

Das Ende des Lebenszyklus einer Band wird oft von sich häufenden B-Releases eingeläutet. KATATONIA hatten im Zeitraum zwischen 2012 und 2014 derer gleich drei im Gepäck. So schob man eine merkwürdige „Akustik“-Version von „Dead End Kings“ hinterher, die per Crowdfunding finanziert wurde und im Wesentlichen aus Spuren bestand, die in den originalen Sessions bereits vorhanden waren. Wenig Aufwand, viel Marketing. Eine unschöne Geste. Die Wiederveröffentlichung von „Viva Emptiness“ mit neuem Mix und zusätzlicher Gesangsspur auf dem ursprünglichen Instrumental „Inside The City Of Glass“ roch auch nach einem schnellen Euro. Und dass man in diesem Zeitraum unbedingt noch das Live-Album „Last Fair Day Gone Night“ nachschieben musste, wirkt schon fast etwas verzweifelt.

Und wieder rumpelt es im Line-Up

Nicht mehr so freundlich und respektvoll klang der Ton der Pressemeldung an, als man sich Anfang dieses Jahres überraschend von dem ehemaligen Neuzugang an der Gitarre, Per Eriksson, trennte. Es habe „Meinungsverschiedenheiten“ gegeben, teilte man der Öffentlichkeit mit. Auf der folgenden Akustik-Tour gab man sich erstmals in der Bandkarriere mit einem Gastmusiker zufrieden. So übernahm Bruce Soord von Wisdom Of Crowds zeitweise den freien Posten ein. Doch damit nicht genug. Nur wenige Monate später strich der langjährige Drummer Daniel Liljekvist die Segel. Dieser nahm aus selbigen jedoch direkt den Wind, da er klar zu verstehen gab, die Trennung sei aus rein familiären Gründen erfolgt und habe nichts mit etwaigen Streitigkeiten zu tun. Dass KATATONIA jedoch zunehmend ein inkonsistentes Bild abgeben, bleibt unbestrittener Fakt.

Mit Rumpf-Besetzung in die Zukunft?

Sieht man sich das aktuelle Line-Up genauer an, so stellt man fest, dass es im Moment nur noch zwei feste Mitglieder gibt – die beiden Aushängeschilder Jonas Renkse und Anders Nyström. Als halbes Mitglied geht immerhin noch Bassist Niklas Sandin durch, welcher seit 2009 als Tour-Musiker eine Konstante im Gefüge ist. Einen Drummer und einen zweiten Gitarristen hat die Band derzeit nicht. Weder Livedates, noch ein weiteres Album sind angekündigt. Die letzte News auf der Homepage ist datiert auf den 12. August und bewirbt das Live-Album.

Was denkt ihr? Werden sich KATATONIA nochmal berappeln, oder steuert eine der exklusivsten und einflussreichsten Dark Metal Bands der Geschichte auf ihr allmähliches Ende zu?

David Timsit

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