(Classic) Theatre Of Tragedy – Velvet Darkness They Fear

David Timsit

Label: Massacre Records
Spielzeit: 52:08

Denkt man an die Geburtsstunde des Beauty & The Beast Klischees zurück, kommt einem unweigerlich die Textzeile „Ich liebe dich“ des deutschen Titels „Tanz der Schatten“ in den Sinn. Dabei hatte die Musik auf „Velvet Darkness They Fear“ nicht annähernd das kommerzielle Potential heutiger Gruppierungen mit dem Stempel „female fronted“. Vielmehr erinnerte das Werk frappierend an My Dying Bride und deren ausgedehnte Doom Metal Eskapaden. Nur mit dem Unterschied, dass statt der Violine die weibliche Stimme das stilprägende Alleinstellungsmerkmal darstellte. Den authentischen Charme der beseelten Briten hatten Theatre Of Tragedy zudem nicht. Stattdessen wirkte die Inszenierung der Band oft etwas plakativ und provinziell.
Dennoch muss man „Velvet Darkness They Fear“ seinen Klassiker-Status zugestehen. Die schleppenden, atmosphärischen Tracks der Marke „Seraphic Deviltry“ zogen einen unweigerlich in ihren Bann. Der dünne, aber anschmiegsame Gesang von Liv Kristine umgarnte die zähen One-Note-Riffs der Gitarren auf eine hypnotische Art und Weise und die effektiv gesetzten Uptempo-Parts brachten die nötige Abwechslung in den Verlauf des Albums.
„Velvet Darkness They Fear“ ist ein Album, welches sein volles Potential unter dem Kopfhörer bei einem Abendspaziergang entfaltet. Auch wenn Bands wie Draconian den Stil vorangebracht und weiterentwickelt haben, ist es doch gerade die Naivität und die Luftigkeit in den Arrangements, welche dem Werk seinen Charakter verleiht.

8/10

www.theatreoftragedy.com
Amazon

Advertisements

(Classic) Green Carnation – Light Of Day, Day Of Darkness

David Timsit

Label: Prophecy Productions
Spielzeit: 60:08

Es ist ein hart für den Rezensenten, dass ihm die Besprechung dieses Albums am Ende ein wertendes Urteil abverlangt. Wie sollte man auch das Werk eines Mannes nach handwerklichen und stilistischen Maßstäben beurteilen, wenn die Existenz dessen einzig und allein auf den widersprüchlichen Gefühlen fußt, welche der Verlust seiner geliebten Tochter ihm bereitet haben, während das zweite Kind bereits auf dem Weg war. Es bedarf schon eines großen künstlerischen Verständnisses, dies überhaupt in Klängen ausdrücken zu können. Künstlerisch der Tragik des wahren Lebens auf so eine Art und Weise gerecht zu werden, dass es nicht wie Spott in den Ohren des Erschaffers widerhallt. Dass man nicht in Versuchung gerät das Instrument augenblicklich in die Ecke zu werfen, gepeinigt von dem Anspruch der Tragweite der lebenserschütternden Ereignisse eine adäquate künstlerische Form zu verpassen. Niemand außer Tchort selbst wird wissen, inwiefern das Ergebnis dem Anspruch gerecht wird. Für den Hörer jedenfalls ist „Light Of Day, Day Of Darkness“ ein außergewöhnliches, intensives Werk voller Überraschungen und Wendungen. Die Entscheidung das Album als gut 60-minütigen Song zu konzipieren, macht es dem Gelegenheitshörer unmöglich es nebenbei zu konsumieren. Eine unpopuläre, aber künstlerisch wichtige Entscheidung.
Stilistisch beginnt die Platte außerordentlich melancholisch, öffnet sich zur Mitte hin und offenbar sogar ein paar Black Metal Wurzeln des Ex-Emperor Musikers Tchort. Es fühlt sich wie eine merkwürdig entfesselte Zeitreise an, wenn wabbernde 70s Orgeln von Gothic Metal Harmonien abgelöst werden um in doomigen Gefilde abzusacken und sich nach einem auseinanderblättern in cleane Gitarrenmuster sammeln um letztlich in epischem Prog Rock zu münden, der effektvoll und ausladend inszeniert wird und den Hörer wahrlich zwischen Tageslicht und Dunkelheit hin- und herreißt.
„Light Of Day, Day of Darkness“ ist diese Art von Album, welches ein Künstler einmal im Leben schreibt. Es exisitiert in seinem eigenen Kosmos außerhalb jeglicher Konkurrenz und sollte jedem Musikliebhaber mit Hang zu progressiven und (nicht nur) melancholischen Klängen ein Begriff sein.

9/10


Amazon

(Classic) Dimmu Borgir – Enthrone Darkness Triumphant

David Timsit

Label: Nuclear Blast
Spielzeit: 56:43

Ende der 90er definierte ein Studio den Sound, der sich in den folgenden Jahren als Standard durchsetzen sollte: Massiv getriggerte Drums, schneidende Gitarren, gescoopte Mitten, dabei aber laut und transparent. „Enthrone Darkness Triumphant“ war eines der frühen Werke, welches den Abyss-Stempel bekam und somit von einem gutem Werk zu einem beeindruckenden wurde. Waren die Wutausbrüche anderer Black Metal Bands oft durch viel zu dünnem Sound in ihrer Kraft limitiert, schufen Dimmu Borgir hier zusammen mit Peter Tätgren ein entfesseltes Biest. Zusammengehalten von breiten Keyboardflächen, die keine Lücken in den Klangwänden zuließen, entfachten die elf Titel einen Sturmgewitter an bombastischen Metalklängen. Während sich die Black Metal Gemeinde von dieser Hochglanz-Attitüde angewidert abwandten, erfreute sich der Rest der Hörer an einer einzigartigen Fusion aus norwegischer Garstigkeit und Rock ‚N Roll Zirkus der Luxusklasse. Vielleicht waren Dimmu Borgir nicht gerade des Satanisten liebste Kirchenabfackler, aber aus Sicht eines Musikers wahrhaftiger als ein Gros ihrer Szene, da sie ihre Kunst mit Leidenschaft und Klasse zur Perfektion brachten. Wen Hassbrocken wie „Relinquishment Of Spirit And Flesh“ oder „Tormentor Of Christian Souls“ nicht ehrfürchtig in die Knie zwingen, kann nicht ernsthaft für sich in Anspruch nehmen über derartige Musik urteilen zu wollen.
„Enthrone Darkness Triumphant“ ist zum Zeitpunkt dieser Rezension 15 Jahre alt geworden, klingt aber nicht einen Hauch von angestaubt. Wenn bei 00:12 von „Mourning Palace“ der erste Scream einsetzt, kreisen die Matten immer noch geschlossen als ob 1997 heute wäre.

10/10

www.site.dimmu-borgir.com

Amazon:

(Classic) Amorphis – Tales From The Thousand Lakes

David Timsit

Label: Relapse Records
Spielzeit: 39:53

„Tales From The Thousand Lakes“ ist das beste Beispiel dafür wie wichtig für ein Album die Gesamtwahrnehmung des Werkes ist. Es sind nicht nur die bisweilen recht dissonanten Kompositionen, die dem Klassiker seinen legendären Status einbrachten. Es sind die Emotionen, welche sich von Artwork über die eigene Produktion bis hin zu dem nasalen Clean-Gesang in jedem Detail über alles erhoben, das man als Death Metal Hörer der frühen 90er gewohnt war. Aus heutiger Sicht mögen die folkigen Melodien und das kokettieren mit der finnischen Heimat nichts außergewöhnliches mehr sein. Damals war es nahezu ein Alleinstellungsmerkmal.
Die Hit-Dichte war bei der folgenden „Elegy“-Scheibe sicher höher, aber „Tales From The Thousand Lakes“ ist das magischere Werk und entfachte seine größten Stärken, sobald es in progressive Gewässer abtauchte. Wenn auf „The Castaway“ die Gitarren am Ende beginnen sich in scheinbares Möwengeschrei zu verwandeln und Amorphis das Korsett des Death Metal ablegen, entstehen die bewegensten Momente. Diese jedoch würden ohne den rohen und wilden Kontrast nicht ihre ganze Schönheit entfalten. Eine Band ist meist dann am stärksten, wenn sie sich am Scheidepunkt von Naivität und Erwachsenwerden befindet.
Für eine ganze nachfolgende Generation an finnischen Folk Metal Bands dient „Tales From The Thousand Lakes“ bis heute als Referenzwerk. Qualitativ mag die Szene bis heute weiterhin großartiges hervorgebracht haben, die Einzigartigkeit und Authentizität, welche nur Pionieren vorbehalten ist, bleibt jedoch unerreicht.

9/10

www.amorphis.net
Amazon:

(Classic) Paradise Lost – Icon

David Timsit

Label: Music For Nations
Spielzeit: 50:26

„A fallen time that’s bygone…“. Der Gothic Metal wurde mit diesem Satz vielleicht nicht erfunden, wohl aber endgültig im Bewusstsein der Metalszene verankert. Waren die Vorgänger noch eher eine Mischung aus britischem Doom/Death und Sisters Of Mercy Elementen, etablierte „Icon“ nun vom Fleck weg alle Trademarks, welche die Band und deren gegründetes Subgenre über nunmehr zwei Jahrzehnte ausmachen sollte: Melancholische Leadgitarren zu harten Riffs, eine angeraute männliche Stimme, sowie vorsichtige Keyboard und Female Vocals Beimischungen.
Produktion und Komposition stellten zum lediglich ein Jahr alten Vorgänger „Shades Of God“ einen Quantensprung dar. Das Songwriting fiel knackiger und eingängiger aus, ohne an Atmosphäre und Intensität einzubüßen. Am bemerkenswertesten stach jedoch die Entwicklung von Sänger Nick Holmes hervor. Während die Vocals auf den ersten drei Alben weitestgehend aus Death Metal Growls bestanden, führte er auf „Icon“ erstmals einen aggressiven cleanen Gesangsstil ein, welcher Parallelen zum frühen James Hetfield aufwies, jedoch weiterhin eine gewisse Nähe hin zu den alten Growls behielt. Eine besondere Mischung, die später nur wieder vereinzelt und in abgewandelter Form auf den Alben „In Requiem“ und „Faith Divides Us – Death Unites Us“ zu hören sein sollte.
„Icon“ wurde im Winter 1993 veröffentlicht. Die Jahreszeit hätte nicht passender gewählt sein können. Verzweifelte Endzeit-Hymnen wie „Colossal Rains“, „Joys Of The Emptiness“ und „Christendom“ stellten den atmosphärischen Rahmen für die Hits und Video-Auskopplungen wie „Embers Fire“ und „True Belief“ dar.
Gepaart mit dem Artwork, welches eine Maria & Jesus Assoziation beim Betrachter weckt, sowie der Vermarktung von Nick Holmes als Look-a-like des biblischen Sandalenträgers, schuf das Werk seine ganz eigene sakrale Stimmung, welche fernab von plumpen antichristlichen Symbolen eine besondere okkulte Aura ausstrahlte.
Besonders hervorzuheben sind hierbei auch die intelligenten Vocals von Holmes, welche Wort- und bildgewaltig auf den Hörer einwirken, ohne dabei Klischees zu bemühen, die vor 20 Jahren schon lame gewesen wären.

„Icon“ ist nicht mehr und nicht weniger als das Referenz-Werk des frühen Gothic Metal. Die zeitlose Produktion ist heute noch gut hörbar und im Gegensatz zu manch anderen Werken dieser Zeit ist das Album eher gut gereift als schlecht gealtert.

10/10

www.paradiselost.co.uk
Amazon